Donnerstag, 4. August 2016

Das Geschäftsmodell der Banken ist hinüber

Von Ralf Keuper

Bei der Bewertung des Bankenstresstests bemängelten auffallend viele Kommentatoren, dass das größte Risiko nicht berücksichtigt worden sei: das Geschäftsmodellrisiko. Demnach geht die größte Gefahr für die Banken derzeit weniger von möglichen Verwerfungen auf den internationalen Kapitalmärkten, also von mehr oder weniger externen Effekten, aus, sondern von eigenen Versäumnissen in der Geschäftspolitik und der Strategie. Beispielhaft dafür sind:
Dass sich das Geschäftsmodell der Banken in der Auslaufphase (Value Outflow) befindet, war auf diesem Blog bereits häufiger ein Thema, wie in Szenarien für das Banking der Zukunft oder Banken in der (Dauer-)Krise

So weit die Diagnose. Was sind die Ursachen?

Anhaltender Funktionsverlust 

Eine Ursache dafür, dass sich das Geschäftsmodell der Banken überlebt hat, ist die fortschreitende Digitalisierung, die es neuen Mitbewerbern, wie den Fintech-Startups, relativ (!) leicht macht, sich auf bestimmte Tätigkeiten aus der Wertschöpfungskette, wie Kredite oder Mobiles Bezahlen, zu konzentrieren. Die Markteintrittsbarrieren sind gesunken. Hinzu kommt, dass neue branchenfremde Mitbewerber, darunter große Internetkonzerne wie Apple, Amazon, Samsung, Google, facebook, PayPal und Alibaba, den Reiz des Banking für sich entdeckt haben. Ihre Ambitionen beschränken sich dabei längst nicht mehr nur auf das Mobile Bezahlen, sondern gehen, wie das Beispiel von Alipay/Ant Financials zeigt, deutlich darüber hinaus. Besonders sichtbar wird dieser Funktionsverlust am Beispiel der Instant Payments bzw. Internet Payments, wo die Internetkonzerne intensiv daran arbeiten, ihre eigene Zahlungsinfrastruktur aufzubauen und so von den Banken noch unabhängiger zu werden. 

Banken sind nicht mehr die zentrale Beobachtungsinstanz in der Wirtschaft

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte ist die Rolle der Banken als zentrale Instanz für die Beobachtung der Waren- und Informationsströme, als Clearingstelle, in der Wirtschaft bedroht - ja sie ist ihnen sogar schon aus den Händen geglitten. Das Informationsmonopol ist dahin. Die Banken müssen sich die Rolle als zentrale Beobachtungsinstanz der Wirtschaft mit Google, Apple, Amazon, facebook & Co. teilen, die auf ihren Plattformen bzw. in ihren sozialen Netzwerken mehrere hundert Millionen Nutzer, im Fall von facebook sogar 1,7 Milliarden, zählen. Die Informationen, die ihnen dabei wie von selbst zufallen, können sie auch dafür verwenden, die Zahlungsgewohnheiten der Nutzer einzuschätzen und für eigene Angebote zu nutzen. 

Verlust der digitalen Souveränität

In seiner Bedeutung noch immer unterschätzt wird der Verlust der Digitalen Souveränität der Banken. Damit ist gemeint, dass die Banken, um ihre Kunden im Netz noch erreichen zu können, auf die Hardware, Software und sozialen Netzwerke der digitalen Ökosysteme, wie Apple, Samsung, Google und facebook, angewiesen sind. Die Smartphones ersetzen die Filiale, die Straße hat sich in das Internet verlagert, wo die Kommunikation über die sozialen Netzwerke geregelt wird. Wie groß die Abhängigkeit bereits ist, wurde kürzlich in Australien deutlich, wo mehrere Banken Apple dazu bringen wollen, für ihre eigenen digital wallets Zugriff auf das iPhone NFC zu bekommen

Das Verschwinden der Deutschland AG

Für die deutschen Banken hatte das Verschwinden der sog. Deutschland AG gravierende Auswirkungen, an denen die Hauptakteure Deutsche Bank, Commerzbank und Dresdner Bank bis heute laborieren. Eine schlüssige Antwort hat keine der Großbanken gefunden, am wenigsten die Dresdner Bank, die ehemalige Nummer zwei, die mittlerweile Teil der Commerzbank ist. 

Das Organizational Design der Banken ist nicht mehr zeitgemäß 

Obwohl das Informationszeitalter längst angebrochen ist und damit die Koordination über Hierarchien, wie die Bürokratisierung generell, an ihre Grenzen stösst, arbeiten die meisten Banken noch immer mit einem Organisationsmodell aus dem Industriezeitalter. Hinzu kommt, dass die Anreizsysteme weiterhin nach demselben Muster funktionieren, wie vor der Finanzkrise, d.h. die Bonussysteme feiern fröhliche Urständ, wie erst kürzlich ein ehemaliger Investmentbanker in einem Interview bestätigte. 

Produkt- und nicht bedarfsgetrieben

Die Mehrzahl der Banken ist nach wie vor produktgetrieben, d.h. den Kunden werden Standardprodukte angeboten, die nur einen geringen Bezug zu dem Bedürfnis des Kunden und seiner aktuellen Lebenssituation haben. Da die Mitarbeiter an dem Erfolg ihrer Verkaufsbemühungen gemessen werden, ist der Anreiz, den Kunden maßgeschneiderte Produkte, noch dazu solche, die nicht aus dem eigenen Haus stammen, anzubieten, gering. Die Kunden wenden sich dann Anbietern zu, die gezielter auf ihre Bedürfnisse eingehen, wie einige Fintech-Startups. 

Fintech ist weder das eigentliche Problem noch die Lösung

Der Glaube ist weit verbreitet, dass sich die Banken durch Kooperationen mit oder Übernahmen von Fintech-Startups eine Frischzellenkur verpassen können, an deren Ende eine junge und dynamische Bank steht. Die Erfolge der Kooperationen sind überschaubar, die digitale Transformation der Banken verfehle, so Vincente Quesada, ihr Ziel. Bisher fehlt den meisten Fintech-Startups ebenso wie den Banken ein überzeugendes, "nachhaltiges" Geschäftsmodell, weshalb es einige Fintech-Startups vorziehen, sich von den Dinosaurieren, die sie zuvor heftig kritisiert haben, übernehmen zu lassen. Damit wird das Problem jedoch nur verlagert und nicht gelöst.

In welchem Geschäft sind wir eigentlich?

Bei all den Kooperationen und hektischen Strategieschwenks ist die Frage aller Fragen in den meisten Banken bis heute nicht gestellt worden: In welchem Geschäft sind wir eigentlich?

Das alte Geschäftsmodell der Universalbank, das - stark verkürzt - von der Zinsdifferenz zwischen Einlage- und Kreditzinsen lebt, befindet sich in der Auslaufphase. Die großen digitalen Ökosysteme drängen sich verstärkt zwischen die Kunden und die Unternehmen / Banken. Sie leiten die Informationen und damit die Kunden in ihre Kanäle.
Wie können, wie sollen die Banken darauf reagieren? Eigene Plattformen entwickeln, die es mit Apple, Google, Samsung, facebook & Co. aufnehmen können? Dazu fehlen die Reichweite und die Technologie/Standards. 

Mit den Themen Sicherheit und Risikomanagement, insbesondere mit Blick auf die Cyber Risiken und Digitalen Vermögenswerte, punkten? Die Bank als Informationsbroker, als Hüter der Daten und digitalen Vermögenswerte, als Treuhänder der Kunden in diesen Bereichen? Dazu der Aufbau entsprechender Plattformen für die Wirtschaft.
Bilanzmanagement hat in den Banken weiterhin Vorrang 

Banken, die sich für systemrelevant halten bzw. so eingestuft werden, verspüren für gewöhnlich wenig Neigung, ihre Rolle infrage zu stellen. Das gilt auch für die US-amerikanischen Finanzinstitute. Es handelt sich also keineswegs nur um ein deutsches oder europäisches Problem. So lange das Bilanzmanagement in den Banken Vorrang hat, wird sich an den bestehenden Geschäftsmodellen und den damit verbundenen Risiken kaum etwas ändern. Das wiederum schafft Raum für diejenigen Anbieter, die sich als Berater der Kunden, als Treuhänder verstehen und dabei, wie Jürgen Ponto bereits vor Jahrzehnten forderte, über das Tätigkeitsfeld des klassischen Banking hinausgehen. 

Weitere Informationen:

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen