Samstag, 20. August 2016

Bankiers als Bildungsbürger

Von Ralf Keuper

Im deutschen Kaiserreich mussten die Bankiers lange um ihre gesellschaftliche Anerkennung kämpfen. Ihr Ansehen rangierte deutlich hinter dem von Offizieren oder hohen Beamten. Bankiers standen unter dem Generalverdacht, ausschließlich materialistischen Interessen nachzugehen und geistigen Genüssen gegenüber unempfänglich zu sein sowie über keine hohe Bildung zu verfügen. 
In Bankiers als Bildungsbürger schildert Morten Reitmayer die Bemühungen bzw. Strategie führender Bankiers im deutschen Kaiserreich, ihren Status, ihr symbolisches Kapital (Pierre Bourdieu) zu erhöhen. In den meisten Fällen gelang es erst den Kindern von Bankiers wie Georg von Siemens oder Carl Fürstenberg, über eine hohe Bildung von den gesellschaftlichen Eliten jener Zeit als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Reitmayer unterscheidet ferner zwischen den Privatbankiers, wie den Mendelssons, Warburgs und Oppenheims, und Bankmanagern, wie von Siemens, Hansemann und Fürstenberg. Während die Bankmanager quasi Tag und Nacht mit Arbeit verbrachten, pflegten die Privatbankiers den Lebens- und Arbeitsstil eines Gentleman. Reitmayer berichtet über eine Anekdote:
Max Warburg kolportierte über den Chef des Pariser Hauses Rothschild: "Baron Alfred de Rothschild fand, ich mache zu viel Bureaustunden. Er sagte mir eines Tages: Ein Gentleman ist nicht vor elf im Bureau und bleibt nicht länger als bis vier Uhr. "
Privatbankiers, wie Rotschild, betrauten Manager mit der operativen Führung der Bank, so dass sie selber genügend Zeit für kulturelle Aktivitäten hatten. Für Bankmanager wie Siemens oder Hansemann war der Gentleman-Stil keine Option - sie mussten sich selber um die Geschäfte kümmern. 
Selbst Bankiers, die sich intensiv mit Theater, Dichtung, Musik und Malerei beschäftigten und hohe Summen in Kunstwerke investieren, mussten mit dem Verdacht kämpfen, wiederum nur aus rein materiellen Gründen zu handeln. Es war häufig nur ein schmaler Grat, der den Bankier vom typischen Bourgeois trennte:
Es waren Geschmacksurteile, die die Welt der Bildungsbürger von der der Bankiers trennten. Der wichtigste Maßstab für diese Urteile war das Ausmaß der Vertrautheit mit den Spielregeln der herrschenden Kultur, die über die Fähigkeit entschied, z.B. einem Gemälde den ihm zukommenden Wert zu geben. 
Eine Strategie, allen Verdächtigungen aus dem Weg zu gehen, war, in unbekannte Künstler zu investieren, bei denen es ungewiss war, ob sie den Durchbruch schaffen würden. 

Die Bankiers akzeptierten das bildungsbürgerliche Ideal ihrer Zeit und passten sich über die Generationen an die Verhältnisse an. Zur Zeit Kaiser Wilhelms II bekamen sie Zutritt zu der Welt der Bildungsbürger: 
Die Bankiersfamilien befanden sich nun in einer viel größeren Nähe zur Welt des Bildungsbürgertums. Man könnte auch sagen, dass es ein Element ihrer "Bürgerlichkeit" war, die kulturellen Standards der Bildungselite zu übernehmen. Denn mit dieser Bereitschaft zur Adaption bewiesen die Bankiers ihre Fähigkeit, zum Zweck ihres individuellen Aufstiegs Formen und Inhalte, die nicht unmittelbar ihrer eigenen Lebenswelt entstammten, in ihr eigenes Wertsystem zu integrieren. 
Die Bankiers wurden in den letzten Jahrzehnten von den Bankern abgelöst bzw. verdrängt. Das Ansehen der Banker befindet sich auf einem ähnlichen Niveau wie das der Bankiers zu Beginn des Deutschen Kaiserreichs. 
In seiner ungehaltenen Rede traf Ludwig Poullain eine Unterscheidung zwischen dem Bankier und dem Banker: 
Was den Unterschied zwischen einem Bankier und einem Banker ausmacht? Der Bankier war ein vornehmer Mann, kein Vornehmtuer, er war also ein Herr, der die Kunst und die Geduld des Zuhörens beherrschte und so souverän war, seine eigene Meinung durch das, was er aufnahm, zu korrigieren. Er räumte den Ratgebern Zeit ein, und er nahm die Sorgen derer, die sich ihm anvertrauten, ernst. Er war kein Mann des schnellen Geldmachens, sondern suchte seinen Nutzen in der Beständigkeit einer Beziehung. Ein Banker dagegen ist ein globaler Universeller. Er weiß nicht nur alles, er weiß auch alles besser; etwa von Abläufen in Produktion und Versand, von Forschung und Entwicklung, also von Dingen, von denen er von Haus aus nur wenig wissen kann. Hat er sich einmal eine Meinung gebildet, steht sie unverrückbar fest. Sie ist nicht mehr diskutierbar. Am liebsten verkehrt er nur unter Gleichgekleideten. Gepflegte Tischsitten und strikte Beachtung der Regeln der Etikette gelten ihm als Ausdruck hochentwickelter Kultur.
Siegmund Warburg wünschte sich gar eine neue Aristokratie in den Banken:
Ich hoffe noch auf eine neue Aristokratie, eine neue Elite, zu deren Eigenschaften die Verachtung von Luxus und Ansammlung materieller Güter, die Achtung vor dem Inhalt anstelle des Scheins, der Vorzug der Qualität vor der Quantität, schließlich edle Gesinnung und unabhängiges Urteil gehören müssen.
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