Montag, 7. Oktober 2013

Szenarien für das Banking der Zukunft

Von Ralf Keuper

Vieles deutet darauf hin, dass sich das Geschäftsmodell der Banken in der Phase befindet, die Adrian Slywotzky als "Value Outflow" bezeichnet hat. Charakteristisch für diese finale Entwicklungsstufe eines Geschäftsmodells ist die Verlagerung der wertschöpfenden Aktivitäten vom eigenen Unternehmen hin zu neuen Anbietern/Geschäftsmodellen, welche die Bedürfnisse der Kunden besser erfüllen. 

Die Zahl neuer Anbieter in der Finanzbranche, die mit neuen Geschäftsmodellen den Markt aufwirbeln, steigt jedenfalls. Mit ihren Geschäftsmodellen sorgen Kabbage, PayPal, Lending Club & Co. dafür, dass die Disintermediation voranschreitet. 

In den Banken bleibt diese Entwicklung selbstverständlich nicht unbeobachtet. Dort ist man sich der Bedrohung durchaus bewusst und spielt einige mögliche Szenarien durch, wie Miranda Hill von Wells Fago und die Mitarbeiter der Innovation Factory der Credit Suisse und DB Research. 

Miranda Hill zeichnet ein Szenario, in dem die Bankservices in den digitalen Alltag der Kunden so integriert werden, dass der Unterschied zu anderen Dienstleistungen nicht mehr auffällt. Die Grenzen verwischen; die Bank als Teil eines umfassenden digitalen Ökosystems. 

Dieses Ökosystem könnte so aussehen, dass die Banken ihre Infrastruktur und ihr Know-How zur Verfügung stellen und als klassischer Vermittler dafür sorgen, dass Angebot und Nachrage auf effiziente Weise zueinander finden. Im Vordergrund stehen dabei nicht die eigenen Produkte, sondern die für den Kunden passenden Lösungen. Hierfür organisiert die Bank ein Netz von Partnern, deren spezielles Know How, sei es fachlicher oder technischer Art, bei Bedarf zur Verfügung gestellt wird. Das können Softwareanbieter für das Personal Finance Management, Lieferanten von Finanzinformationen und/oder Anbieter alternativer Finanzierungsformen (P2P Lending/Crowdfunding) sein. 
Bezahlt würden die Banken für ihre Vermittlungsdienste. 

Ein derzeit wohl plausibleres Szenario sieht vor, dass die Banken sich, in der Sprache der Bank-IT formuliert, auf die Bereiche Front End, Middleware und Back End konzentrieren, d.h. die Bank, die alles aus einer Hand anbietet, gehört der Vergangenheit an. Stattdessen haben wir Institute, die sich auf die reine Transaktionsverarbeitung und die Einhaltung der regulatorischen Bestimmungen sowie Fragen der Sicherheit konzentrieren. Hier kommen die Skaleneffekte zum Tragen. Das Risikomanagement und die Verwertung/Analyse der Daten übernehmen ebenfalls spezialisierte Anbieter. Inwieweit die Cloud-Technologie zur Anwendung kommt, bleibt noch abzuwarten. 
Im Bereich der Middleware werden Anbieter wie Yodlee eine Schlüsselrolle übernehmen, die ihre Lösungen als White Label zur Verfügung stellen. 
Entscheidend aber wird das Front End sein. Hier können Anbieter wie die Movenbank oder der Bank Simple flexibel auf die Kundenbedürfnisse eingehen. Ergänzt wird das Angebot im Front End durch die Lösungen unabhängiger Anbieter im Bereich Personal Finance Management wie figo, Finanzblick und Crealogix. Die Banken klinken sich mit ihren Dienstleistungen in das Front End ein. Die Erlösstruktur würde die neue Rollenverteilung widerspiegeln, d.h. die Anbieter im Front End und die Transaktionsabwickler und Risikoverarbeiter würden den größten Anteil bekommen. Ob sie auch den größten Gewinn machen, steht auf einem anderen Blatt. 

Ein weiteres Szenario ist die Renaissance des Genossenschaftsgedankens in der Weise, dass der regionale Bezug, die Hilfe zur Selbsthilfe und die Gemeinnützigkeit n den Vordergrund treten. Beispiele hierfür sind die Mondragon-Bank, die Volksbank Bühl, die Fidor Bank und die Sparda Bank München. Die Bank nicht mehr in erster Linie als Hüter des Geldes, sondern, wie es bei der Mondragon-Bank heisst, als Katalysator für die heimische Wirtschaft, oder übertragen auf das digitale Zeitalter: die Community. 

Weiterhin wird sich der Trend hin zu einem anderen Anreizsystem in den Banken verstärken. Für vorbildlich halte ich in dem Zusammenhang Svenska Handelsbanken. So lange sich hier nichts ändert, bleibt es bei dem Dilemma, das Matthias Kröner in seinem aktuellen Blogbeitrag schildert. 

Ein Szenario, das noch deutlich weiter geht, ist das des Bankless Banking, wie es im Jahr 2030 Wirklichkeit sein könnte.

Alles in allem löst die Verlagerung der Wertschöpfung im Banking an vielen Stellen gleichzeitig einen Veränderungsdruck bei den etablierten Anbietern aus. Es wird die Banken einige Anstrengung kosten, um zu verhindern, dass sie in ihrem angestammten Geschäft nur noch eine Statistenrolle einnehmen. 

Jedoch lauern hier nicht nur Risiken, sondern auch Chancen, die darin bestehen, dass die Banken ihre Rolle neu definieren. Vielleicht übernehmen sie künftig wieder die klassische Rolle des Bankiers - moderne Finanzdiplomaten. In etwa so, wie es Jürgen Ponto einmal beschrieben hat: 
Die Banken werden zunehmend die Rolle einer Clearingstelle und Drehscheibe eines auf die praktischen Bedürfnisse der Wirtschaft abgestellten Beratungs- und Informationsflusses zu übernehmen haben. (in: Mut zur Freiheit)

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